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Tätigkeitsprofil der Linken Blaskapellen

Ein wichtiges Betätigungsfeld der Blaskapellen waren die Anti-AKW-Demonstrationen, hier Oldenburg Syndrom in Brokdorf

Auftritte, die (fast) alle Kapellen im Repertoire haben:

Die Kapelle

  1. beteiligt sich bei Demonstrationen (zur Gesangsbegleitung, Aufheiterung oder Angstverarbeitung, Verunsicherung der Polizei usw.),
  2. spielt bei Festen der Linken Szene (dabei gelten sie oft als „Egerländer der Bewegung“, weshalb ein solcher Einsatz nicht unumstritten ist; legendär ist die Mitwirkung der Roten Note in der „Volkshochschule Wyhl“),
  3. beteiligt sich bei (Haus-)Besetzungen, Blockaden, Behinderungen und ähnlichen halblegalen Aktionen (als Teilnehmer*innen, als Angstverarbeiter, als Provokateur der Polizei z.B. beim Abräumen),
  4. stört mit musikalischen Mitteln (musikalische) Auftritte Dritter, die als bekämpfenswert gelten (z.B. Auftritten von Bundeswehrkapellen, Rekrutenvereidigungen, Gefallenengedenkfeiern, Denkmaleinweihungen),
  5. wirkt bei genuinem linken Straßentheater oder ähnlichen szenischen Straßenaktionen unterstützend mit (z.B. in Bremen am „Altmannsdenkmal“ oder zum Jahrestag der „Bücherverbrennung“),
  6. gestaltet „autonome“ musikalisch-szenische Aktionen ohne Beteiligung Dritter mit einer möglichst erkennbaren linken „Botschaft“ (z.B. "Ripley" in der U-Bahn Hamburgs oder einem musikalischen GAU-Chaos in der Fußgängerzone),
  7. spielt auf Solidaritätsveranstaltungen Linker oder als „unverdächtig“ eingestufter Institutionen (Jugendzentren, "Blauschimmel", Rock gegen Rechts, Anti-Atomdorf Gorleben und dgl.).

Die ersten vier Fälle können als „Standard“ bezeichnet werden. Insgesamt gibt es ein durchgehendes Prinzip. Ich nenne es „Irritation“ (Aspekt des Publikums bzw. der Adressaten, der Psychologie) bzw. „Verfremdung“ (Aspekt der Blaskapelle, des musikalischen Materials, der musikalischen Tätigkeit). Die Kapelle will irritieren: gängige Denkmuster, Verhaltensweisen, Rituale (= DVR) usw. „hinterfragen“, indem sie gängigen DVR’s aufgreift, verändert, neu formuliert, in ungewohnte Kontexte, verfremdet stellt, neu deutet usw. Bereits das Phänomen „Blaskapelle“ greift Klischeevorstellungen von „Blaskapelle“ auf und verfremdet diese. Beliebte musikalische Mittel sind musikalische Zitate, Verwendung bekannter Melodien (oder Rituale), die verfremdet werden (wie Märsche, Nationalhymnen, bekannte Lieder). Performative (oder szenische) Mittel sind das Musizieren in ungewohnten, oft „unpassenden“ Umgebungen, Zusammenhängen, Ambientes.


Auftritte, die umstritten sind und nicht alle Kapellen im Repertoire haben:

Die Kapelle

  1. gibt Konzerte in einem Rahmen, der nicht mehr explizit politisch links ist (z.B. bei Hoffesten, weil diese „Öko“ sind oder in einer Kirche),
  2. spielt in einem Rahmen, der zwar als experimentell oder ästhetisch außergewöhnlich eingeschätzt wird (wie die legendären Hamburger Stummfilm Live-Vertonungen), aber keine Züge von Irritation/Verfremdung trägt,
  3. spielt als "scheiß-liberales Aushängeschild" für Bürgerliche Institutionen (z.B. beim TOT des Goethe-Theaters Bremen) ohne diese Institution zu "irritieren",
  4. kooperiert mit ausländischen Street-Bands, die eher "ulk-orientiert“ und unpolitisch sind,
  5. nähert sich in musikalischer und performativer Hinsicht einer stink-normalen Jazz-BigBand (Mitwirkung bei den Berliner Jazztagen des Sog. Linksradikalen Blasorchesters) oder karnevalesken Samba-Bands (Mitwirkung beim Karneval der Kulturen),
  6. spielt explizit im Dienste einer politischen Partei oder Gruppe (z.B. den Grünen, der DKP, des KBW – oder der Antifa u.ä.), d.h. lässt sich "funktionalisieren" oder
  7. überschreitet zu weit die Grenzen der Legalität,
  8. spielt „irgendwo“ primär um Geld einzunehmen und damit etwas Drittes ("Sinnvolles/Gutes") zu finanzieren,
  9. feiert - last but not least - sich selbst, d.h. die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt und dass sie es geschafft hat, 5, 10, 25 oder sogar 50 Jahre zu überleben.

Ein wichtiger "Streitpunk" sowohl unter den Mitgliedern der Kapelle als auch zwischen den unterschiedlichen Kapellen (siehe dazu die Punkte weiter unten!) ist, dass bei solchen umstrittenen Auftritten das Prinzip der "Irritation" bzw. "Verfremdung" nicht mehr anwendbar oder erkennbar ist. Dadurch tritt "das Politische" in den Hintergrund oder geht sogar ganz verloren. Demgegenüber gibt es aber auch die Einschätzung, dass das Phänomen einer selbst organisierten Linken Blaskapelle "an sich" schon so politisch ist, dass, egal wo sie spielt, es immer eine politische Demonstration ist (vgl. Zitat von Wolfgang Hamm 1980 unter den den Texten).


Aufgeführt ist die Anzahl der bundesdeutschen Blaskapellen, die auf den Bläser/innentreffen erschienen sind. Da nicht immer alle Kapellen an einem Bläser/innentreffen teilgenommen haben, ist die "wirkliche" Anzahl größer.

Einige Statistiken zu Auftritten ("damals und heute"):

Im Folgenden sind grobe Ergebnisse der Auswertung von Auftrittsprotokollen, Chroniken oder Angaben auf Homepages aufgeführt. Vom "Oldenburg Syndrom", das zwischen 1979 und 1985 69 Auftritte absolvierte, ist die komplette Auftrittschronik aufgeführt, weil sie charakteristisch für die frühen 1980er Jahre ist. Für die späteren Jahre bis heute wurden alle Kapellen betrachtet, die heute noch aktiv sind, eine Chronik besitzen oder auf ihrer Homepage die Kategorie "frühere Auftrite" aufführen. (Zum Zustandekommen dieser Statistik und der dabei verwendeten Kategorien: hier kann eine einschlägige Exceltabelle herunter geladen werden.)

In den "besten Jahren" ihres Bestehens absolvierten alle Gruppen ungefähr 10 Auftritte pro Jahr. Dabei ist auffallend, dass sich auch das Repertoire ständig erweiterte und änderte. Vor allem die in die Kategorie "Konzerte" fallenden Auftritte waren Orte für Repertoire-Änderungen. Der allgemeine Trend ging weg vom ad-hoc-Spielen kleiner Stücke und Lieder hin zu ausgearbeiteten Kompositionen einerseits und "weltmusik-orientierten" Stilistiken (allen voran Latin und Afro) andererseits, wobei die Hinzuziehung von moderater Percussion obligatorisch zu sein schien. 2026 berichtete ein ehemaliger Musiker, dass diese Entwicklung für ihn ein Grund zum Verlassen der Kapelle gewesen ist. IG Blech hingegen sagte schon 1984, dass es auch den umgekehrten Vorgang gegeben hat: sie bemerkten, dass sie wegen eines zu komplexen Programms nicht mehr in der Lage waren - nach dem Vorbild der Londoner Fallout Marching Band - spontan auf einer Demo zu spielen und zu agieren. Hier habe dann die Reduktion des Anspruchs auch zum Austritt einiger Kapellenmitglieder geführt.

Die Entwicklung von einer alternativ-kritischen Kapelle jenseits der "offiziellen" Anerkennung durch den bürgerlichen Musikbetrieb und die Kommunen hin zu durchaus akzeptierten, oft als Feigenblatt ins Bürgerliche eingebundenen Event-Machern ist klar erkennbar. Alle Gruppen haben vermehrt "im Auftrag" kommunaler oder ähnlicher Institutionen gespielt und dabei weniger irritiert als schlichtweg belustigt - fast immer jedoch unter Beibehaltung eines Restbestandes politisch linker Auftritte und/oder eines linken Anspruchs im Repertoire.

Auftritte in den frühen 1980ern:

Oldenburg Syndrom besitzt eine detaillierte und vollständige Chronik aller Auftritte und Aktionen. Zu den Kategorien: Buwe/Militär: Raketenstationierungs-Blockaden, Rekrutenvereidigung, Militärkonzerte - AKW/Gorleben: alle nur denkbaren Aktionen gegen AKW's, Gorleben-Camp - Grüne/Umwelt: musikalische Begleitung der Gründung der Oldenburger Grünen, Bäumchenpflanzaktionen - gegen Rechts: u.a. Rock gegen Rechts, Demos - linke Solidarität: Hausbesetzungen, Alhambra Verbrecherball - FoBi: nationale Bläsertreffen und Workshops bei Jazzern - Frieden: Demos der Friedensbewegung, Ostermärsche. In den 7 Jahren ihres Bestehens absolvierte das Oldenburg Syndrom 69 Auftritte (also 10 pro Jahr).

Bremen: die Anfänge

Lauter Blech besitzt eine vollständige Auftrittschronik. Zu den Kategorien: diese sind oft sehr ungenau geworden. Solidarität: hierunter fällt das Spielen auf Straßen- oder Stadtteilfesten genauso wie eine Beteiligung bei einer Soli-Veranstaltung z.B. für "Blaumeier" - FoBi: bezeichnet die Bläsertreffen und die zahlreichen internen Workshops mit angesagten Musikern (dies scheint eine Spezialität von Lauter Blech zu sein!) - Konzert: dies sind alle Auftritte ohne einen explizit "politischen Rahmen" - Frieden/Militär: hierunter fallen vor allem die Blockaden in BHV, aber auch Ostermärsche - Öko: AKW-Aktivitäten und lokale Aktionen gegen Umweltzerstörung - gegenRechts: logo - Politik: die Volkszählungsboykott-Aktionen - Lauter Blech spielte in den ersten Jahren 10 mal pro Jahr und in den letzten Jahren corona-bereinigt 7 mal pro Jahr, dafür aber ein abendfüllendes Programm.


Auftritte aus dem Berliner Milieu:

IG Blech hat den Schritt raus aus der linken Protestkultur hin zur Anerkennung durch Senat und Goethe-Institut geschafft, ohne die linke Heimat ganz zu verlassen. Sie geben explizite Podiumskonzerte, wirken regelmäßig bei "Politveranstaltungen" wie einem (alternativen) Aschermittwoch mit, reisten durch Mittelamerika im Auftrag des Goetheinstituts und engagierten sich 2015 ff. in der Flüchtlingsarbeit. Unter "Öko" fallen Veranstaltungen gegen Gentechnik, unter "Solidarität" u.a. Straßenfeste. In den 6 hier erfassten Jahren hatte IG Blech 40 Auftritt (also 7 pro Jahr).

Auftritte rund um Köln

Dicke Luft spielt regelmäßig (alljährlich) bei Veranstaltungen wie "Jazzmeile", "Stadtmuseum" oder "Loft-Konzert". "Solidarität": Flüchtlingsarbeit, Jugendzentren etc. - Straßenmusik: "Jazzmeile" u.a. - Demo: ausschließlich 1. Mai. Die Kapelle spielte in einigen Jahren 10 Mal, in anderen nur einmal. Coronabereinigt spielte sie durchschnittlich 5 mal pro Jahr.

Auftritte aus jüngster Zeit:

Tuten & Blasen spielt heute noch und ist genau so vielfältig aktiv wie "damals". Erläuterung: Solidarität: Straßenfeste, GEW-Streik etc. - Konzert: überwiegend Stummfilm-Begleitung - Öko: Fahrraddemos usw. Zwischen 2010 und 2026 absolvierte Tuten & Blasen 175 Auftritte (also 11 pro Jahr).

Diskussionsthemen innnerhalb der Kapellen und auf den "Bläser/innentreffen"


Auf dem Weg zu einem nationalen Bläser/innen-Treffen

  • Was ist wichtiger: politisches Bewusstsein oder musikalisch-technisches Können?
  • Wie geht man mit der linken Musiktradition um (Eisler, Arbeiterlieder usw.)?
  • Wie geht man als "textlose" Blaskapelle mit textbasierter Musik (Liedern) um?
  • Soll man Percussion oder Elektronik hinzuziehen, um die Musik grooviger zu machen?
  • "Macht" die Gruppe alles als Kollektiv selbst oder hat sie (gegebenenfalls auch externe) Spezialisten (Komponist/innen, Dirigent/innen)?
  • Wer leitet die Proben? Welche "Disziplin" herrscht bei der Arbeit?
  • Wie kommt überhaupt das Repertoire zustande?
  • Wie wird über Auftritte entschieden - was tun bei Dissens? Darf ein Teil der Gruppe auftreten, wenn ein anderer nicht mitmachen will?
  • Improvisation? Nach Noten spielen oder auswendig? Gezielt falsch spielen?
  • Bedeutung der Performance: ist die szenische Darstellung wichtiger als die Musik?
  • .....

Diese und weitere Diskussionspunkte, die oft zu Austritten von Mitspieler/innen oder Spaltung einer Gruppe geführt haben, spielen in den Briefen und Selbstdarstellungen, die unter "Texte" wieder gegeben sind, eine große Rolle.

Auf den jährlich stattfindenden Bläsertreffen stellten die teilnehmenden Kapellen ihre neuen Stücke vor, fanden interne "Fortbildungen" statt und wurde für einen gemeinsamen "Massenauftritt" geübt und derselbe publikumswirksam durchgeführt. Für das Bremer Treffen 1984 schrieben die Kapellen ein Selbstportrait. Die meisten einschlägigen Papiere sind in der Rubrik "Texte" dokumentiert.

Anzahl der an den nationalen Bläsertreffem teilnehmenden Kapellen.

Warum sich Kapellen auflösen oder (ein halbes Jahrhundert) überleben

Die Frage, warum sich die meisten Kapellen im Laufe der (späten) 1980er Jahre aufgelöst, während einige überlebt haben, ist deshalb schwer zu beantworten, weil die Kontaktpersonen der Kapellen, die auf den Teilmehmendenlisten der Bläsertreffen 1985 und folgende genannt sind, heute mit wenigen Ausnahmen nicht mehr aufzufinden sind. Noch vorhandene Kontakte zu Kapellen, die heute nicht mehr existieren, gibt es im Fall der Roten Note (Freiburg), des Oldenburg Syndroms, der Heißen Luft (Hannover).

Folgende Faktoren können Hinweise auf Antworten geben:

Die Kapellen, die bis heute weiter bestehen, sind ausnahmslos solche in Großstädten (Köln, Dortmund, Bremen, Hamburg, Berlin). Diese Kapellen waren (und sind) nicht so sehr "universitäts-affin" wie diejenigen aus den "Kleinstädten mit Universität" (Tübingen, Münster, Hannover, Konstanz, Bielefeld, Oldenburg). Je "universitäts-affiner" eine Kapelle ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich dann auflöst, wenn entweder Personen ihr Studium beenden oder ihren Wohnsitz ändern (was im gehobenen Uni-Milieu fast zwingend ist). So war die "Rote Note" oder das "Oldenburg Syndrom" praktisch vollständig mit Studierenden oder Dozent*innen bestückt. Zumindest von Oldenburg ist bekannt, dass sich die Kapelle aufgrund von Wegzug der Mitglieder auflöste. Bei der Roten Note gab es einen Generationswechsel (fünf Stammmitglieder zogen aus Freiburg weg).

Eine weiterer Faktor ist die merkwürdige "Professionalität" der Kapellen. Fast alle Kapellen berichten - meist stolz z.B. auf LP-Booklets -, dass viele Mitglieder das Instrument erst in der Kapelle gelernt haben. Oft handelt es sich hier Musikstudierende, für die das in der Kapelle gespielte Instrument nicht das "eigentliche" Instrument gewesen ist. Diese Spieler*innen sind zwar Profis, aber nicht mit Bezug auf die in der Kapelle ausgeübte musikalische Tätigkeit. Diese Personen waren primär politisch motiviert. Zur musikalischen Selbstverwirklichung diente die musikalische Tätigkeit im Beruf, d.h. außerhalb der Kapelle (und oft in anderen Musikgruppen). Das krasseste Beispiel für diese Regel ist der gut dokumentierte Fall des "sog. linksradikalen Blasorchesters", das weitgehend von Heiner Goebbels initiiert worden war und sich postwendend auflöste, nachdem Heiner Goebbels sich spektakuläreren Projekten zuwandte und dabei bekanntermaßen großen Erfolg hatte. Ein anderer Fall ist Wolfgang Hamm, der als Komponist seiner Kapelle bis zum Tode die Treue hielt, aber, weil er nicht ganz so karrierebewusst wie Goebbels war, sich weitgehend auf anderen Kanälen (Verlagswesen, Rundfunk) musikpolitisch betätigte.

Der andere Kapellen-Typ besteht überwiegend aus Laien, die teilweise schon sehr gut ihr Instrument beherrschen, aber keine Berufsmusiker*innen sind. Für sie kann die Kapelle ein Forum sein, sich (nicht nur politisch, sondern eben auch) musikalisch selbst zu verwirklichen. Sie bleiben ihrer Kapelle treu und versuchen das musikalisch-künstlerische Niveau der Kapelle so gut es geht zu heben. So gibt es in Hamburg mehrere sehr kreative "Laien-Komponisten", deren Stücke ins Repertoire der gesamten Blaskapellen-Bewegung eingeangen sind, während einer der Musik-Profis, der primär politisch motiviert war, die Kapelle bei ihrem Schwenk hin zum künstlerischen Anspruch verlassen hat. Auch die Bremer Gruppe hat erklärtermaßen in den 1990ern (erfolgreich) versucht, künstlerisch anspruchsvoller zu werden und thematische Konzertabende zu stemmen - und auch sie besteht weitgehend aus "engagierten Nicht-Musik-Profis". Die Kölner Gruppe ist insofern noch radikaler als sie einen Dirigenten engagiert hast, der gar kein Mitspieler ist - also das "Demokratie-Tabu" gebrochen hat.

Das Überdauern einer Linken Blaskapelle hängt - so die These - von der Motivation der Mitspielenden und dem "Laien-Status" ab. Wobei "Laie" gerade nicht bedeutet, dass die Person schlecht spielt. Im Gegenteil: je weniger ein*e Spieler*in beruflich Laie ist, umso engagiert und besser spielt sie/er, und je mehr ein*e Spieler*in beruflich Musiker*in ist, umso weniger ist ihr/ihm das Niveau der Kapelle ein Herzensanliegen. Grobe Faustregel: bei der/dem Berufsmusiker*in dominiert die politische Motivation, beim Laien die musikalische.

Allerdings gibt es noch musik-immanente Gründe für das Überdauern oder Absterben einer Kapelle. In allen Kapellen gibt es seit den ersten Bläser*innentreffen eine Diskussion um ein Repertoire, das den zeitbedingt angesagten "Spaßfaktor" besitzt, der musikalischen Selbstverwirklichung dient und (dennoch) "irgendwie" politisch ist. Alle Kapellen wenden sich den angesagten groovigen Stilen "Latin" und "Afro" zu und integrieren mehr oder weiger Percussion und Drumset. Lediglich Bremen geht mit "Satie" noch eine Dritten Weg. Die "Karneval der Kulturen"-Stilistiken sind eine gute Garantie fürs Überleben. Da alle Kapellen, die überleben, ausnahmslos auch auf Straßenfesten, ja überhaupt im Freien spielen, wähnen sie sich "politischer" als ein Streichquartett oder Sinfonieorchester. Das stimmt, und dennoch hinkt das Argument: Schützen- und Bundeswehrkapellen spielen auch im Freien und sind auch "politisch", nur eben anders herum! Wie die Statistiken oben aber zeigen, sind die "Auftritte im Freien" überwiegend in alternative oder sogar "linke" Kontexte eingebunden.

Und damit ist ein letzten Argument angesprochen, das oft in Zusammenhang mit der Auflösung von Linken Blaskapellen genannt wird: "Ja die Verhältnisse, die sind nicht mehr so", dass Linke Blasmusik im bisherigen Sinne gebraucht wird. Der Antifa genügte Anfang der 1990er eine (Samba-)Percussionsgruppe oder eben eine elektrische Anlage, über die Punk gesendet wurde. Die etwas zarteren Klimaschützer*innen begnügten sich mit Liedern oder spektakulären Alternativ-Klassikorchestern. Die Friedensbewegung wird aus den USA mit reichlich Material beliefert. Die neue Demokratiebewegung singt wieder den (bei Linken aussortierten) Kanon "Wehrt Euch, leistet Widerstand, gegen die Faschisten hier im Land". Die AKWs müssen nicht mehr aktiv "besetzt" werden, weil Angela Merkel deren Abbau durchsetzt. Und alles rund um Flüchtlinge, Asyl und Abschiebung scheint kein Fall für Linke Blasmusik zu sein - stieße bei der Zielgruppe ja auch auf Unverständnis. (IG Blech aus Berlin ist die einzige Gruppe, die nach 2015 einige Mal "für Flüchtlinge" gespielt hat.) - Kurzum, die Anlässe für musikalischen Aktionismus sind rar geworden und die musikalischen Bedürfnisse der Bewegungen selbst sind anderweitig befriedigt.

Dass die vorliegende Internet-Nostalgie im Kontext des Kongresses "Groove the City" entstanden ist, ist wohl das beste Zeugnis dafür, dass sich Linke Blasmusik entweder einem akzeptierten und kommunal sogar geförderten "City-Groove" anbietet oder aber auflöst. Der City-Groove hat das Linke mit Wohlwollen um nicht zu sagen Begeisterung aufgenommen. Straßenfeste und überhaupt Musik im Freien, zudem noch als "Latin" und "Afro" spaßbetont, gehören eindeutig zum City-Groove. Der Aspekt der Irritation und Verfremdung, der Kennzeichen Linker Blasmusik gewesen war (siehe oben!), ist dem Aspekte der Buntheit und Vielfalt gewichen.

Hier noch eine abschließende persönliche Bemerkung des Autors der vorliegenden Seiten: Das "Oldenburg Syndrom", dem ich angehörte, hatte sich, weil es ausschließlich Student*innen beschäftigte, 1985 auflösen müssen. Einzelne Mitglieder fanden sich in einer Jahrzehnte lang erfolgreichen Gruppe "Ostfreezen Allstars", andere in einer bescheiden für Nicaragua-Kaffe werbenden und heute noch auf Hoffesten spielenden Weltmusik-Gruppe wieder. Für mich war neben dem Spielen in dieser zuletzt genannten Band 1984 noch die Gründung des Ersten improvisierenden Streichorchesters und in Folge die Musikperformance Brain and Body wichtig. Insofern bin ich ein typischer Fall eines Musik-Profis, der eine Linke Blasmusikkapelle nicht braucht, um sich musikalisch selbst zu verwirklichen, der aber aus politischen Gründen die Blasmusiktätigkeit gerne fortgesetzt hätte. Weil dies nicht möglich war, habe ich - reichlich verspätet - die vorliegenden Plattform eingerichtet, die primär die Anfangszeiten der Bewegung 1973 bis Ende der 1980er in Erinnerung rufen möge.